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Über die Beichte (Barbara Hanzig)

Hat der Protestant nur seinen Hund? Über die Beichte

”Asche auf mein Haupt” sagen wir manchmal, wenn wir etwas falsch gemacht haben – und erinnern damit unbewusst an den alten Aschermittwochsbrauch, mit Asche oder einem Aschekreuz die eigene Schuld zu zeigen. Wie gehen wir eigentlich mit Schuld um?

Der Schriftsteller Max Frisch schrieb in einem seiner Romane: „Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Geheimnis zu erholen, eine großartige Einrichtung; er kniet und bricht sein Schweigen, ohne sich den Menschen auszuliefern, und nachher erhebt er sich, tritt wieder seine Rolle unter den Menschen an, erlöst von dem unseligen Verlangen, vom Menschen erkannt zu werden. Ich habe bloß meinen Hund, der schweigt wie ein Priester, und bei den ersten Menschenhäusern streichele ich ihn.” (Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein) Hat der Katholik die Beichte und der Protestant nur seinen Hund? – möchte man da fragen.

Eines aber verbindet wohl beide, ein „Geheimnis”, das man nur schwer hergibt, das nur schwer in Worte zu fassen ist, und doch einen Ort braucht, wo es Raum hat und aufgenommen werden kann. Oft hat dieses „Geheimnis” etwas zu tun mit erlittener oder begangener Schuld oder mit beidem. Dinge, die verletzend oder beschämend waren. Wir möchten sie verschweigen. Im Verschweigen sollen sie verschwinden – und sind doch in uns.

Schon in den alten Texten der Bibel heißt es sehr bildhaft: „Solange ich es verschwieg, wurde ich körperlich krank, innerlich schrie es unaufhörlich in mir.” (Psalm 32,3)

Die Bibel spricht sehr selbstverständlich von Sünde. Sie meint damit das Trennende. So wie ein Sund (daher kommt das Wort „Sünde”) zwei Ufer voneinander trennt, so trennt mich die Sünde von Gott, von meinem Mitmenschen, von mir selbst. Es ist also zunächst gar kein moralischer Begriff, sondern beinhaltet die natürliche Erfahrung nicht im Gleichklang mit all dem zu leben, was mich umgibt.

Wir heute tun uns schwerer, von Sünde zu reden. Wir wissen viel darüber, wie sehr Schuld die Folge sozialer Missstände und seelischer Erkrankungen sein kann. Und doch ist uns das Gespür für Schuld nicht verloren gegangen. Leserbriefe und Talk-Shows sind voll davon. Diese Menschen suchen einen Ort, ihr „Geheimnis” loszuwerden, und stellen sich damit doch oft nur bloß.

Die Beichte, wo sie nicht als unselige Pflicht oder Karikatur ihrer selbst daherkommt, bietet einen Ort, an dem in aller Ruhe einmal Sprache finden darf, was einen im Innersten quält. Es darf ausgesprochen werden, herausgesprochen werden, um es loszuwerden. Gott nimmt die Last der Schuld auf sich, er vergibt. Der Mensch (Priester, Pastor, Christ) ist nur Zeuge des Gesprächs, der es noch einmal in Worte fasst: „Dir sind deine Sünden vergeben im Namen Gottes.”

So kann ein Mensch sich von seinem „Geheimnis” erholen, sich aufrichten lassen und wieder aufatmen. Zum Glück hat auch der Protestant die Beichte und nicht nur seinen Hund. 

Barbara Hanzig