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Auf ein Wort

Gnade und Wahrheit

Am Anfang des Johannes-Evangeliums steht ein Satz, der mich besonders fasziniert: Durch Jesus Christus sind die Gnade und die Wahrheit zu uns gekommen (Johannes 1, 17).

Gnade und Wahrheit sind bei Jesus untrennbar miteinander verbunden. Das begegnet uns sonst nur sehr selten. Normalerweise sind – zumindest nach meiner Beobachtung – beide strikt voneinander getrennt. Wir sind entweder gnädig und lassen „Gnade vor Recht“ ergehen; oder es geht uns um die Wahrheit. Dann verurteilen wir die vermeintlich falsche Haltung – und diejenigen, die sie einnehmen, gleich mit. Wie kommt das nur?

Nach meiner Einschätzung hat es etwas damit zu tun, dass wir ein tief sitzendes Misstrauen gegen das haben, was Gnade eigentlich meint. Unter Gnade verstehen wir eine wohlwollende, freiwillig zugewandte Haltung einer Person oder Gruppe gegenüber. Gnade kann sich niemand verdienen – und genau da liegt das Problem. In unserer Gesellschaft muss jeder sich alles verdienen. Entweder durch eigene Leistung oder, wenn keine entsprechende Leistung erbracht werden kann, dann zumindest durch eine angemessen dankbardemütige Haltung. Der Gedanke, dass jemandem etwas zukommt, das er nicht verdient hat, ist uns nahezu unerträglich. Genau das aber ist Gnade.

Und was ist Wahrheit? Darüber müsste man viel sagen. Der heute weit verbreitete Relativismus bestreitet sogar, dass es überhaupt eine Wahrheit gibt. Dieser Frage können wir an dieser Stelle allerdings nicht ausreichend nachgehen. Vorausgesetzt also, es gibt so etwas wie Wahrheit, dann meinen wir damit die Übereinstimmung einer Aussage oder eines Urteils mit der Wirklichkeit. Wer nach Wahrheit fragt, muss demnach fragen, ob sich eine Ansicht, eine Meinung, Haltung oder ein Verhalten in der Wirklichkeit zum Wohl des Lebens bewährt.

In der jüdisch-christlichen Tradition ist eines ganz klar: Es gibt Wahrheit, und es gibt Lüge. Anders gesagt: Nicht alles, was Menschen vertreten oder tun, dient dem Leben und bewährt sich an der Wirklichkeit. Manches ist sogar ausgesprochen schädlich. Die Gebote sprechen davon, oder auch Jesus, wenn er etwa sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6).

Unser oben beschriebenes Unwohlsein mit unverdienter Gnade führt nun dazu, dass wir nur dann gnädig sein können bzw. wollen, wenn der andere doch irgendwie dafür qualifiziert ist. Damit wir einer Person gegenüber wohlwollend zugewandt sein können, relativieren wir ihre Wahrheit. Was sie tut oder wofür sie steht, erklären wir für annehmbar und irgendwie auch richtig, selbst dann, wenn es in Wirklichkeit nicht dem Leben dient. Oder wir verteidigen das, was wir als wahr erkannt haben mit solcher Vehemenz und Kompromisslosigkeit (es geht schließlich um die Wahrheit!), dass für wohlwollende Zugewandtheit kein Raum mehr bleibt.

Ich persönlich möchte auch diesbezüglich von Jesus lernen: Klar sein und bleiben in dem, was ich als wahr erkannt habe und dennoch jedem Menschen unbedingt wohlwollend und zugewandt begegnen. Ich muss nicht alles gut finden oder absegnen, was andere tun. Weil ich aber weiß, dass ich selbst Gottes Wohlwollen wirklich nicht verdient habe, kann ich in diesem Bewusstsein auch anderen zugewandt begegnen.

Pastor Peer Lichtenberg

Predigten und Texte zum Nachlesen oder Nachhören

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