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Auf ein Wort

„Wer so stirbt, der stirbt wohl!“*

Der Ewigkeitssonntag mit seinem Gedenken der Entschlafenen liegt „im Schatten“ der großen Reformationsfeier – oder in seinem Licht? Wie kann das sein – „wohl“ zu sterben?

Die Tochter rief mich an, weil die schwerkranke Mutter um den Besuch „ihres“ Pastors bat. Als ich dann am Krankenbett in ihrer Wohnung saß, sagte sie gefasst: „Ich werde sterben. Ich habe aber noch einiges mit Ihnen zu besprechen.“ Sie hatte jeden massiven Eingriff zur Lebensverlängerung abgelehnt und die Verhältnisse so ordnen lassen, dass sie ihren Tod zuhause erwarten durfte. Zusammen mit ihrem Mann, ihrer Tochter und der Enkelin berieten wir mit ihr den Ablauf der „letzten Dinge“: welche Lieder gesungen, welcher Psalm und welcher Beerdigungsspruch zu ihrer Trauerfeier gelesen werden sollten. Auf ihren Wunsch gab es dann so etwas wie eine „Beichte“, ein Gespräch unter vier Augen und Gebet über das, was in diesem Leben ungelöst geblieben war. Schließlich wünschte sie sich ein Abendmahl, das wir unter tröstlichen Worten der Bibel mit Mann, Tochter und Enkelin gemeinsam feierten. Es hatte bei aller Improvisation tatsächlich etwas tief Feierliches, es wurde geweint, aber auch gelächelt und sogar gelacht. Von jeher wurde der letzten Stunde eines Menschen hohe Bedeutung zugeschrieben. Etwa dem Tod Martin Luthers, von dessen Sterben die schärfsten Gegner zu wissen meinten, er sei qualvoll, mit verrenkten Gliedern und entstellten Zügen gestorben. Sie verstiegen sich bis zur Behauptung, er hätte aus Verzweiflung über seine falsche Lehre Selbstmord begangen. Um solchem damals erwartbaren Unsinn von vornherein entgegenzuwirken, hatte sein Freund Justus Jonas seine Sterbestunden peinlich genau protokolliert: ein ganz gewöhnlicher Tod im Bett. Und seine Kollegen veröffentlichten umgehend die positive Todesnachricht: Luther sei ausgesprochen friedlich und mit einem deutlichen Bekenntnis zu Jesus Christus als Erlöser dahingeschieden. Hinter all‘ diesen Bemühungen stand der böse mittelalterliche Gedanke, Gott würde seine „Feinde“ und damit natürlich auch deren Lehren als falsch beweisen. In solchem Streit stirbt die Wahrheit als erste. Was bleibt, ist aber Luthers ungemein trostreiche Lehre vom „seligen Sterben“, die er in seinem Sermon „Von der Bereitung zum Sterben“ beschrieben hat. Hier zeigt er sein tiefes Vertrauen, dass der Weg aus diesem Leben – im Glauben – zum Weg in die Hände Gottes wird: Wie ein Kind, das bei der Geburt in Wehen durch die enge Pforte hindurch in die Hände der Mutter und die Weite des Lebens fällt, „darum muss man es glauben und an der leiblichen Geburt eines Kindes lernen“, schrieb Luther. Als ich wenige Tage nach dem Kranken-Abendmahl mittags an das Sterbebett kam, war die Frau am Morgen gestorben und aufgebahrt worden. Mir blieb nur, mit der Familie zu beten und den Abschiedssegen zu sprechen. Beeindruckend war, was die Tochter über die Sterbestunde erzählte: Die Mutter zeigte ein schweres Unbehagen, sie wollte – so verstand die Tochter – nicht unsauber vor ihren Gott treten. Eine erfahrene Nachbarin, eine Muslimin übrigens, konnte helfen: Sie reinigten und kleideten sie schön. Ihr ganzes Wesen entspannte sich daraufhin, und sie schlief mit einem friedlichen, fast seligen Gesichtsausdruck ein. Hier wurde wahr, was Nonnen des Ursulinen-Ordens über den Tod sagten: „Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.“ Pastor Stephan Uter

*aus dem Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“, 10. Strophe

Predigten und Texte zum Nachlesen oder Nachhören

Hier finden Sie Predigten aus unseren Kirchen und Texte aus „Auf ein Wort”, die Sie in Ruhe nachlesen können.

Die Predigttexte sind allein schriftliche Hilfen für die lebendig – also mündlich predigenden PastorInnen: Es gilt das gesprochene Wort. Diese Unterlagen sollen für die Predigthörer Stichworte zur Erinnerung liefern. Ausschnitte dürfen also nicht als Predigtzitate genutzt werden, weil die Predigt möglicherweise in einzelnen Bereichen anders gehalten wurde.